IQ vs. EQ
mmuppetti 7. April 2009
In den 90er Jahren machte ein sehr bereicherndes Buch auf sich aufmerksam: Emotionale Intelligenz von Daniel Goleman.
Ich frage mich: hat irgendjemand dort draußen (oben) dieses Buch gelesen? Und verstanden?
Abgesehen davon, dass Goleman schon in seiner Einleitung den Sinn des Buches erläutert und dazu schreibt:
“Das Buch Emotionale Intelligenz verdankt sein Entstehen meiner unmittelbaren Erfahrung einer Krise in der amerikanischen Zivilisation, mit erschreckender Zunahme der Gewaltverbrechen, der Selbstmorde, des Drogenmißbrauchs und anderer Indikatoren für emotionales Elend, besonders unter der amerikanischen Jugend.”
Etwas später kommt ein Absatz, der mich sehr überraschte und mir verkündete, dass wir bereits in der gleichen Situation sind - wie die Bevölkerung der USA, der einst treibenden Wirtschaftsmacht, Welt des Materialismus etc… das kennt ihr ja; Goleman also wieder:
“Meine Freunde in Deutschland sagten mir zwar, daß es in der deutschen Gesellschaft keine derart krassen Krisenphänomene wie in Amerika gäbe, daß meine Vorschläge aber auch für Deutschland gelten könnten, nicht so sehr als akutes Gegenmittel, sondern als präventive Maßnahme.”
Huuuuh, die Frage ist: was ist mit der Prävention geworden? Hat das Bildungssystem eine präventive Maßnahme eingeleitet? Hmm.
So, und nun mal ehrlich: wer glaubt, dass allein der IQ über den erfolgreichen Verlauf eines Lebens bestimmt? Lachen wir nicht immer über Menschen, die zu erpicht sind auf Leistungen, die immer alles wissen und uns an kleine Roboter erinnern? Und ist nicht der Klassenclown der Liebling, der ja doch immer irgendwo durchrutscht und es irgendwie hinbekommt. Emotionale Intelligenz ist nichts Fremdes, Ominöses, gestern Entdecktes - sie ist genauso alt wie wir Menschen und wahrscheinlich war sie auch die erste Intelligenz, die wir hatten, bevor die ganzen Wissenschaften kamen und darüber bestimmt haben, was ein gebildeter, trockender Mensch ist und wer in der Gesellschaft voran kommt und wer nicht. Herzlichen Dank. Alles, was mit unserem Bauchgefühl zu tun hat, wurde daraufhin abgestempelt als gelüstiges, unwissendes, viel zu emotionales, histerisches Etwas. Das Wilde, das Es, das Tier.
(Komischerweise reizt uns das aber bis heute und wider aller Vernunft und Regeln, sich wie ein zivilisierter Mensch zu verhalten, gerade. Beispielsweise beim Sex. Oder? Wer will schon mit einer trockenen Pflaume rummachen, die sich nicht bewegt und das Einmaleins vorkaut? Niemand. Alle wollen, dass ihre Partner wild sind und sich wie Tiere verhalten. Hemmungslos, gelüstig, verschweint. Tja. Konflikt offensichtlich. Die Absurdität ebenfalls. Bäh!)
Diese Zeiten sind vorbei. Das linkshirnige Denken allein reicht nicht mehr, die rechte Hirnhälfte kommt hinzu. Wir kriechen raus aus dem Zeitalter der langweiligen, eckigen, hässlichen Gerätschaften, die nur eine Aufgabe erfüllen sollten. Wir bewegen uns in das Zeitalter der Ästhetik, des Designs, des Spaß’. Schluss mit trockenem Rumgewerkel an Zahlen, Formeln auf vernünftigem Papier, in langweilig formatierten Absätzen, dicken Büchern mit viel zu langen Sätzen! Wir sind Menschen, wir brauchen beides! Logik und Schönheit. So wie es Apple macht, so wie es Ikea macht, so wie es bekannte Designer machen. Design und Ästhetik prägen unsere neue Welt.
Hinzu kommt Bedeutung. Unsere 8h-Arbeitsstelle gibt uns nicht mehr ausreichend Sinn. Man möchte Dinge tun, die für einen selbst wichtig sind, bereichernd, erfüllend und erfreulich. Wer möchte auf seinem Totenbett liegen und denken, er hat dies und das verpasst, sich hier nicht um sich selbst gekümmert und da nicht, sondern nur gearbeitet. Für ein Unternehmen, das es nicht mehr gibt oder das sich als korrupt rausgestellt hat, dessen Manager mit 20 Millionen Rente von Dannen sind. Wer will das?
Es ist eigens definierter Sinn, der uns glücklich macht. Eine Perspektive, eine Aufgabe, in der wir unsere Talente ausleben können, Ideen umsetzen, uns ausprobieren, einfach nur leben und handeln. Wer zum Teufel hat denn gesagt, dass man im Leben alles richtig und vernünftig machen muss? Wie oft leben wir denn? Und haben wir eine Anleitung bekommen? Kinder, ich kann das nicht ansehen, wie viele von euch ihr Leben verschwenden, denken sie müssten anderen genügen. WO steht das? WER vergibt denn Plus- und Minuspunkte?
Im Endeffekt seid ihr es selbst, wenn es soweit ist, dem Tod ins Auge zu sehen. Dann kommt eure Lebensbilanz und dann seht ihr, ob es euer Leben war oder ob ihr es für andere gelebt habt. Tja, und dann ist es zu spät. Aber wenigstens hattet ihr dann noch eine abschließende und die lebenswichtigste Erkenntnis.
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- 3 Kommentare

Wow, ganz schoen bissig im Abgang, was?
Diese merkwuerdige Idee eines 8-Stunden-Tags haelt sich verdammt wacker in unserer Zeit hoechster Produktivitaet. Frei nach Goetz Werner zitiert, haben wir es endlich geschafft, mit Maschinen und Programmen uns den Freiraum und die Freizeit zu schaffen, die wir wollen. Und was machen wir daraus? Statt effizent ein paar Stunden zu arbeiten und den Rest des Tages seiner eigenen Beschaeftigung mit Freunden oder Familie nachzugehen, arbeiten immer weniger Menschen immer laenger. Das ist doch bloed. Das ist altes Denken und es ist Zeit, etwas neues zu wagen.
Diese alten Strukturen sind auch in unserem Miteinander zu entdecken. Ohne mich auszuschliessen, leben wir unser Leben groesstenteils noch immer fremdbestimmt, statt selbst zu entscheiden. Wir lassen uns Minuspunkte geben, weil wir es nicht anderes kennen. Die Medien und die Politik wirken massiv auf unsere Meinung ein. Wer kann sich dem schon entziehen? Selbst ohne Fernseher oder Zeitung oder Internet leben wir mit Menchen im Umfeld, die stellvertretend fuer die erstgenannten wirken, meist ohne sich dessen bewusst zu sein.
Anhand meines Freundeskreises sehe ich jedoch die Moeglichkeit, aus diesem unsaeglichen Kreis auszubrechen. Fuer meine Freunde bin ich dankbar, da wir uns gegenseitig helfen, unsere Ideen und Vorstellungen, unser Verhalten und unsere Wuensche zu reflektieren und so Stueck fuer Stueck, Schritt fuer Schritt zu einer “eigenen”, selbstbestimmten Wahrheit gelangen.
naja, ein wenig bissig konnte ich nicht vermeiden. leider bin ich noch nicht wie der dalai lama, der die dinge mit größter ruhe und geduld betrachtet und sich immer eins schmunzelt, weil wir das wichtigste immer noch nicht verstanden haben… pfff.
stimmt es, dass “immer weniger Menschen immer laenger” arbeiten? oder meintest du, dass immer mehr menschen länger arbeiten? ich verstehe den satz nicht ganz, naja, das zwischen den zeilen schon…
ich liebe den weg, zu der “eigenen”, selbstbestimmten wahrheit zu kommen. und ich freue mich, dass wir uns auf diesem weg begegnet sind.
Ganz meinerseits. Und da es nach meiner Meinung keine Zufaelle gibt, danke ich fuer diese goettliche Fuegung, Dir begegnet zu sein. Das hat mir echt gut getan, mit Dir zu “arbeiten”.
Apropos arbeiten, ich meinte es tatsaechlich so, wie ich es schrieb.
Sprachlich war das jedoch missverstaendlich formuliert, merke ich gerade. Es arbeiten natuerlich immer mehr Menschen laenger. Doch insgesamt arbeiten immer weniger Menschen ueberhaupt.