“Die Individualismusfalle”
mmuppetti 28. Juni 2009
Wir leben in der Individualismusfalle – dazu gibt es das gleichnamige Buch von Wolfgang Kiener und Frater Johannes Weise.
Was das nun ist, diese Individualismusfalle? Ein Thema, das uns die ganze Zeit begleitet, aber wir uns entweder die Zeit nicht nehmen, um herauszufinden, was es ist oder aber unser Stimmchen in der Brust verdrängen “Sei still und red’ keinen Quatsch!”.
Unser Leben ist so ausgerichtet, dass es dem Individuum dient. Wir können uns alles kaufen, erfahren Service und Personalisierung “Sehr geehrte Frau Soundso…”, Supermärkte haben länger geöffnet, damit Büro-Individuen noch schnell was einkaufen können. Wir haben unsere eigene E-Mail Adresse, selbstgemachte T-Shirts, Kugelschreiber mit unserem Namen drauf, Visitenkarten… vielleicht sogar Unterwäsche. Häuser, Bankkredite, Autos. Wir sind. Und zwar auf individuellen Gegenständen markiert mit uns. “Meins, deins, seins.”
Das ist Teil 1.
Dass wir unabhängiger werden, weil wir jede Dienstleistung einkaufen können, statt einen Tausch mit unseren Freunden zu machen, ergibt sich unweigerlich daraus. Hier eine Massage, da eine Maniküre oder gar ein organisierter Erlebnisabend mit Dinner, Unterhaltung und einem personalisierten Rätselspiel, bei dem man die eigene Frau gewinnt.
Das einzige, wovon wir abhängig sind, ist Geld. Materiell. Ideell ist es immer noch Liebe. Die bekommen wir natürlich zu dem Haus, Auto und neuem MacBook mitverkauft, können sie aber nicht so recht entschlüsseln. Sehnsucht nach einem anderen menschlichen Wesen, das uns bewundert und annimmt, uns über den Kopf fasst und sagt “Du bist toll”, haben wir trotzdem. Und je mehr Zeug uns umgibt, desto mehr Sehnsucht baut sich auf.
Dumm an der Abhängigkeit zu Geld ist der ewige Satz “braucht man ja zum Überleben”. Klar. Ja und nein.
Fangfrage:
Ihre Frau verschwindet mit einem anderen. Ist die Lösung Geld?
Ihr Kind widerspricht ihnen und entdeckt seine eigene Welt. Bieten Sie ihm 100 Euro, um bei Ihrer Sichtweise zu bleiben?
Sie wollen sich ausquatschen, weil ihr Tag stressig war. Reden Sie mit Ihrem Portemonnaie, dem Sie zuvor ein Gesicht aufgeklebt haben?
Sie wollen einen Waldspaziergang machen und Ruhe haben. Nehmen Sie einen Sack Geld mit?
Sie fragen Ihre Eltern, warum sie nicht hätten bessere Eltern sein können, die Ihnen dabei helfen Komplexe ab- statt anzubauen? Wie viel Euro zahlen Sie, um dieses Gespräch zu beginnen?
Und schließlich: Sie wollen, dass die Frau Ihrer Träume sie küsst und sich an Ihre starke Schulter schmiegt. Kaufen oder erobern Sie diese Frau?
Komischerweise lassen sich sehr wichtige Sachen ohne Geld klären. Schockierend oder erleichternd?
Das ist die perfekte Überleitung zur Definition von Glück.
Beim nächsten Mal.
