Schnecken, mich hackt’s
mmuppetti 9. April 2011
Vorgestern in Brasilien, heute in den Niederlanden? Geht’s noch?!
Sorry für meine Bissigkeit, aber offensichtlich passiert was und nun ja, alle schauen schön zu.
Wisst Ihr, gerade Brasilien! Meine Illusion von diesem Land verschwindet. Warum? Weil ich dachte, Amokläufe wären eine Art Luxus der westlichen Welt. Nun, Brasilien ist in diesem Sinne auch westlich, aber irgendwie wirft es mich aus der Bahn. Ihr wisst, was ich meine?
Und nun auch noch in Holland.
WAS GEHT AB?
Tickende Zeitbomben. Unberechenbar. Hups, hier 10 Tote, da 10 Tote.
ES will uns was sagen. Es sagt: Etwas stimmt nicht. Irgendwas, weltweit, stimmt nicht. Diese Amokläufe sind wie Krebs.
Wenn der Körper Krebs hat, dann will er damit etwas ausdrücken. Und zwar nicht nur, dass man sich in der Nähe eines Atomkraftwerks aufgehalten hat, sondern auch, wenn man psychisch ständig Dinge verdrängt, schluckt, nicht löst, aufschiebt – sprich, wenn man als Zombie funktioniert, aber innen vollkommen unglücklich ist.
Ist es so schwer, das zu verstehen?
Ich denke nicht.
Nur dass die Gesamtmaschinerie sich weiter so dreht, dass der Einzelne darin zum Zombie wird. Wenn er nicht selbst auf seine Psyche aufpasst. Aber wann soll er das denn gelernt haben, hm? Auf seine Psyche aufzupassen, sie zu reinigen, sich mitzuteilen, über Probleme zu sprechen? Wer bringt uns das denn bei?
Yep, da ist der Wurm. Der Wurm, Wurm, Wurm. Nicht bei Spielen, nicht bei Waffen, nicht hier, nicht da.
Eine vom Wurm zernagte Psyche platzt einfach. Und um sich doch noch mitzuteilen, wird ein Zeichen gesetzt. Peng, Euch bringe ich mit um!
Habe heute tatsächlich überlegt, mir eine kugelsichere Weste zu kaufen, wenn ich irgendwo hingehe, wo Menschenmassen zu erwarten sind – wobei, eigentlich gehe ich da gar nicht hin. Aber eine kugelsichere Weste im Sommer? Toll!
Ich bin etwas sauer. Nein, ich bin eigentlich stinksauer.
Weil einfach nicht klar scheint, dass alles Konsequenzen hat. Es wird nie von den Ursachen geredet, immer nur von Symptomen. Aber die Ursachen liegen natürlich tiefer! Das macht mehr Arbeit. Für alle, unsere Sprachrohre, die Politiker, für Eltern, für Lehrer, für Kollegen, für Freunde. Wir sind so überdrüssig geworden, dass wir gar keine Lust mehr haben, auf andere aufzupassen oder ihre Probleme wahrzunehmen. Wir haben ja selbst genug Probleme, stimmt’s? Und selbst da ist die Frage: wieso eigentlich?
Woher diese weit verbreitete Massen-Unzufriedenheit?
Ich habe eine Theorie und je mehr ich darüber nachdenke und je mehr Nachrichten ich sehe, desto klarer wird mir, dass sie wahr sein muss.
Nachrichten.
Hier drei Erdbeben, da 5 schmorende Atomkraftwerke, hier fällt der Kurs, da sagt ein Israeli, dass irgend ein Moslem doof sei – oder umgekehrt – da hungernde Kinder, hier vergewaltigende Priester, hier platzt eine Immobilienblase, da gibt’s einen Taifun… und so geht es die ganze Zeit. Die ganze Zeit kann man sich zumüllen mit Dingen, die irgendwo passieren. Die Nachricht. Früher war es wirklich spannend. Heute nervt’s nur. Ganz ehrlich: WAS genau macht eine Nachricht? Früher informierte sie, aber heute unterhält sie. Ganz ehrlich, kucken wir Nachrichten, weil wir nach Informationen lechzen oder aus Gewohnheit? Oder weil es ohne Nachrichten plötzlich so langweilig im eigenen Leben wird? Such Dir einen Grund aus oder nenn’ mir einen triftigen, der nicht lautet “Man muss informiert sein.”
Muss man nämlich nicht. Okay, Du musst wissen, ob Deine Tram fährt, ob sie auf Deinem Weg zur Arbeit irgendwo Demos laufen oder Stau ist. Ja, okay.
Aber verrat mir, was genau es Dir bringt, wenn Du erfährst, dass auf der anderen Seite der Weltkugel 3 Menschen gestorben sind, weil sie keinen Arbeitsschutz hatten?
Du fühlst Dich besser, moralisch, weil Du es weißt? Weil Du meinst, wissen reiche aus? Aber wofür denn? Tust Du denn was mit diesem Wissen? Schickst Du der Fabrik, wo es passiert ist, ein paar Schutzbrillen? Ich wette, nein. Und weißt Du: Du musst es auch gar nicht. Zunächst einmal nicht. Es ist okay. Denn gäbe es keine Medien, würdest Du es gar nicht wissen. Und also könntest Du auch nichts tun. So aber weißt Du es und tust trotzdem nichts.
Dann ist es doch besser, Du reduzierst Dein Wissen und begrenzt es auf Regionales, so dass Du es auch wirklich beeinflussen kannst. Damit wäre 1000 Mal mehr geholfen und Dein Informiertsein würde überhaupt erstmal Sinn bekommen. Denn Du kannst handeln. Und Handeln macht irgendwie glücklich. Als Mensch etwas zu beeinflussen, macht glücklich. Denk’ nur dran, wenn Du jemandem auf der Straße hilfst. Wie gut es Dir danach geht!
Tja, so aber frisst Du diese Nachrichten jeden Tag in Dich hinein. Immer rein und rein und rein. Aber Du kannst gar nichts damit machen. Und es belastet Dich. Das weißt Du auch. Wie schnell kann Deine Laune umschwenken, wenn Du mal wieder hörst, dass ein Pfarrer 3 Jungs belästigt hat. Im Grunde nervt es Dich. Du denkst Dir, was soll das? Ein Pfarrer? Wieso denn ausgerechnet ein Pfarrer? Der, der predigt und uns sagt, wie man sich zu verhalten hat. Tja, genau der belustigt sich an kleinen Jungs.
Das macht Dir schlechte Laune. Und mir ebenfalls. Und ich kann nichts tun. Oder soll ich hin zum Pfarrer und ihm seinen Schwanz abschneiden? Wie unhübsch.
Egal, ob Pfarrer oder nicht. Alles mögliche macht uns schlechte Laune. Vor allem aber Konflikte und Kriege.
Nachrichten sind wie Fastfood.
Sie sind legitim, werden angepriesen, sie werden Dir unter dem Motto “Man muss” oder – wie es McDonalds macht – “Gesunde Ernährung mit McDonalds” – verkauft. Aber statt Dich und Deine Psyche zu nähren, rauben sie Dir Lebensenergie. Genauso wie Fastfood Deinem Körper Energien raubt, um dieses Fastfood irgendwie sinnvoll zu verarbeiten. Als wärest Du eine Müllhalde. Für Nachrichten und Fastfood. Und beides muss Dein Körper, Deine Psyche verarbeiten, sortieren, filtern, irgendwas nützliches da rausziehen.
Aber wie soll er es schaffen, wenn es jeden Tag so ist?
Jeden Tag Nachrichten.
Dir kommt doch das Kotzen, gib’s zu.
Ich denke, würden wir unsere Gesellschaften weniger mit irrelevanten “Informationen” zumüllen, ginge es uns allen besser. Und zwar, weil wir zum Einen aus der Unterhaltungsblase rauskämen, der legitimierten “man muss informiert sein” Unterhaltungsblase, und weil wir dann automatisch, quasi notgedrungen, mehr auf unsere Mitmenschen achten Würden. Es ist so einfach: wenn irgendwo stadtübergreifend Stromausfall ist, dann schauen die Menschen wieder in den Himmel und haben danach Sex. Dann steigt die Geburtenrate für ein Jahr rapide. Also aus Stromausfall resultiert mehr menschliches Leben, wie hübsch. Nun stell Dir mal vor, Du setzt Dich nicht mehr dem ganzen Nachrichten-Müll aus. Was glaubst Du, was passiert?
Du wirst ruhiger, wacher, freundlicher, weniger in Dich gekehrt, bewusster und schöner. Garantiert.
